Pura Vida statt Schweizer Takt

Costa Rica wird oft als die Schweiz Mittelamerikas bezeichnet, weil es im Vergleich zu seinen Nachbarn sicher und fortgeschritten ist. Für mich war dies mitunter ein Grund, weshalb ich mich für meinen Auslandaufenthalt für Costa Rica entschieden habe. Da hören die Ähnlichkeiten aber aus meiner Sicht auch schon auf. Insbesondere hat mich die Kultur von Costa Rica sehr überrascht, die ich dank kompletter Immersion über drei Monate in einer typisch costa-ricanischen Familie hautnah erleben durfte. Ihre "Pura Vida"- Einstellung zum Leben ist auf der ganzen Welt bekannt: Die Costa-Ricaner sind sehr locker drauf und leben im Moment und nicht in der Zukunft, wie wir Schweizer es oft tun. Sie lieben es zu schwatzen, singen oder tanzen und geniessen einfach das Leben. Das macht sie einerseits zu offenen, freundlichen und herzlichen Menschen, aber andererseits auch zu sehr entspannten Leuten. In Costa Rica schreitet das Leben nur sehr langsam voran und viel Geduld ist essenziell. Dies habe ich in der Schule, wie auch zuhause erlebt. Als pünktliche Schweizerin war ich zum Beispiel immer zur vereinbarten Zeit bereit. Schon in meiner ersten Woche in Costa Rica lernte ich jedoch, dass ich zur vereinbarten Abfahrtszeit mindestens eine Stunde dazurechnen musste.

Ich besuchte während meines Aufenthaltes die öffentliche Schule "Santa Gertrudis del Norte". Diese bestand aus mehreren einfachen Baracken, meist ohne Fenster und mit Blechdach, so dass während des täglichen Gewitters der Unterricht unterbrochen werden musste, weil es zu laut wurde. Die Zimmer waren sehr klein und Pult und Stühle gab es nicht für jeden Schüler. Oft sass man am Boden. Ich hatte fast jeden Tag von sieben Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags Schule, was mich überraschte, weil ich mir einen kürzeren Schulalltag vorgestellt hatte, wie die Schüler es in Spanien erleben. Interessanterweise werden dieselben Fächer wie in der Schweiz unterrichtet, so z.B. Physik, Sprachen, Mathematik, Sozial- und Politikwissenschaften, aber ohne Computer, sondern anhand von Kopien, die der Lehrer verteilt. Leider wurde nicht sehr gewissenhaft unterrichtet und mein Schulalltag bestand oft aus viel Warten, denn die Lehrer nahmen es mit der Präsenz nicht so genau. Manchmal erschienen sie zu spät oder gar nicht oder gestalteten den Unterricht nach Lust und Laune anstatt systematisch. Auch die Schüler nahmen den Unterricht nicht sehr ernst und verbrachten viel Zeit während des Unterrichts an ihrem Handy oder schliefen - ohne Konsequenzen. Für Viele war die Schule ein Ort, wo es eine warme Mahlzeit am Tag gab und sie soziale Kontakte pflegen konnten. Eine bessere Ausbildung hiess für sie nicht unbedingt bessere Zukunftsperspektiven. In der Regel treten die Schüler in die Fussstapfen ihrer Eltern und arbeiten in einer Plantage oder einem Laden oder gründen sehr früh eine Familie. Für mich war die Schule ein Ort, um mein Spanisch zu verbessern und weil meine Mitschüler alle sehr offen und gesprächig waren, habe ich auch schnell grosse Fortschritte gemacht. 

Die Schüler haben mich herzlich empfangen und waren alle sehr interessiert daran, mich und meine Kultur besser kennenzulernen. Mit meiner Grösse und den blonden Haaren und blauen Augen war ich nicht zu übersehen und war an der ganzen Schule bekannt. Ich wurde oft in den Gängen der Schule angesprochen, wobei das Geschlecht und das Alter keine Rolle spielten. Zwischen allen Schülern herrschen eine Nähe und eine Herzlichkeit, die ich in der Schweiz vermissen werde, wo alle nach strengen sozialen Normen leben. In den Pausen haben wir oft Mangos von den Bäumen auf dem Areal gepflückt und diese mitsamt Schale und mit Salz und Zitronensaft gegessen. Dies war für mich ein unvergessliches Erlebnis.

Während meinem dreimonatigen Austausch habe ich in einer Gastfamilie gelebt, mit einer alleinerziehenden Mutter, Martha, und zwei Gastschwestern, Lucia und Mariangel. Wir wohnten in Grecia, Alajuela, in einem Dorf etwa vierzig Minuten von der Hauptstadt San José und etwa dreissig Minuten vom aktiven Vulkan Poas entfernt. Der Vulkan war von meinem Haus aus sichtbar und ich durfte einmal sogar eine kleine Eruption beobachten. Auch Erdbeben gab es einige während meines Aufenthaltes. In der kurzen Zeit, die ich bei meiner Gastfamilie wohnte, habe ich unsere Privilegien in der Schweiz noch mehr zu schätzen gelernt, so zum Beispiel die Ausbildung und den Wohlstand, die wir zu oft für selbstverständlich nehmen. Die meisten Costa-Ricaner leben in einfachen Verhältnissen, wobei sehr grosse Familien die Regel sind und erwachsene Kinder erst sehr spät oder gar nie ausziehen. Freizeitbeschäftigungen sind selten und die meisten verbringen ihre Zeit mit Medienkonsum anstatt mit Spiel oder Sport. Geld ist immer ein grosses Thema. In meiner Freizeit habe ich oft mit meiner Gastfamilie Verwandte besucht, die uns immer ganz herzlich mit Kaffee und leckerem typischem Essen empfangen haben: Reis und Bohnen, manchmal auch plátanos, dazu ein fresco natural. Ab und zu habe ich mich aber auch mit Freunden aus der Schule getroffen, um zu plaudern oder ins Kino zu gehen.

Mit meiner Organisation, CAS, und auch mit meiner Gastfamilie durfte ich während der drei Monate auch das Land etwas bereisen, wobei mir die Ausflüge nach Manuel Antonio, einem Nationalpark an der Westküste und Rincón de la Vieja besonders in Erinnerung bleiben werden: Vulkanlandschaften, Wasserfälle und Tiervielfalt. Costa Rica hat eine unglaublich reiche Flora und Fauna, die mich immer wieder fasziniert und beeindruckt hat. Am Ende meines Austausches, habe ich noch als Freiwillige in einer Tierauffangstation gearbeitet, wo wir allen möglichen verletzten oder vernachlässigten, illegal gehaltenen Tieren geholfen haben: Affen, Papageien, Faultieren, Tukanen, Kojoten, Ozelots, Waschbären. Auch dies war eine sehr bereichernde und prägende Erfahrung.

Für mich waren die drei Monate in Costa Rica einmalig und unvergesslich. Ich habe eine neue Kultur kennengelernt, eine Fremdsprache gelernt, neue Freundschaften geschlossen, Selbstvertrauen gewonnen und meinen Horizont erweitert, und dabei wertvolle Erfahrungen gesammelt und wunderschöne Erinnerungen geschaffen. Ich schätze es sehr, dass ich diese Möglichkeit erhalten habe und danke der Zunft herzlich für ihre grosszügige Unterstützung.

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